Audiotechnik Off topic

Der Ruf der Freiheit : Ab ins eigene Studio!

By on September 10, 2011

Jeder halbwegs ambitionierte Musiker steht früher oder später vor der gleichen Situation : Die Musik der Band soll weiterverbreitet werden, soll käuflich zu erwerben sein, man benötigt Songmaterial für Bewerbungen bei Labels oder Veranstalter, usw.
Worauf jeder dieser Punkte abzielt ist klar : Eine Aufnahme muss her!
Nur woher nehmen und nicht stehlen? Im Prinzip gibt es immer die selben beiden Optionen: Selbst machen (das berüchtigte „Demo-Tape“ im Bandraum zusammenschustern) oder Geld für Aufnahmen in einem Studio ausgeben.
Beide Optionen führen in vielen Fällen nicht zu einer Aufnahme, welche man guten Gewissens weitergeben möchte. Man will schließlich eventuell eine Bewerbung und keine „Warnung“ verschicken. Auch wenn  der Veranstalter z.B. eines lokalen Festivals hundertmal versichert, dass ein „einfaches Demo“ genügt – die Qualität der Aufnahme hat einen riesigen Einfluss auf den Auswahlprozess.
Nun, wo ist das Problem der Optionen Demotape oder Bezahlstudio? Das kann man sich am einfachsten anhand einiger wichtiger Zutaten für eine gelungene Musikproduktion verdeutlichen : Können, Ausrüstung, Zeit und Abstand. Können und Ausrüstung beziehen sich hier auf die tontechnische Seite – dass vernünftiges Songmaterial zur Verfügung steht und die Musiker ihre Instrumente spielen können sei hier vorausgesetzt.
Dass für eine vernünftige Aufnahme Zeit benötigt wird, ist unmittelbar klar – allerdings erfahrungsgemäss immer mehr als geplant. Und zwar viel mehr. Natürlich gibt es Profi-Studiomusiker die alles perfekt einspielen und nach einer halben Stunde wieder gehen – nur sind diese sicherlich nicht die Zielgruppe meines kleinen Blogartikels (falls doch: ich fühle mich geehrt 🙂 ).
Die Sache mit dem Abstand, die sehr eng mit dem Faktor „Zeit“ verwandt ist, wird sehr oft übersehen: Im Aufnahmeprozess selbst verliert man schnell das Urteilsvermögen über das was man hört. Ungeübte sehr schnell, Geübte langsamer, aber irgendwann jeder. Man muss eine Pause einlegen und sich das produzierte Material mit Abstand nochmals anhören, idealerweise am nächsten Tag. Oft wird man feststellen, dass viele Dinge dann relativ enttäuschend klingen. Goldene Regel : Es ist nur das gut, was am nächsten Tag immer noch gut ist! Dumm nur, wenn am nächsten Tag die Aufnahmesession leider schon vorbei ist. Damit sind wir dann auch endlich wieder bei unseren Eingangs erwähnten Optionen von Demo-Tape und Mietstudio angekommen, die beide oft zu nichts führen :
Beim Demo-Tape aus dem Proberaum fehlt das richtig Equipment und zusätzlich meistens die nötige Erfahrung wie damit umzugehen ist. Deshalb wird über falsche Mikrophone aufgenommen, oft mehrere Instrumente ohne Spurtrennung, am besten in den Onboard-Soundkarten-Eingang eines Laptops. Am Ende sind dann noch ein paar Fehler drauf und alles klingt etwas seltsam, aber „das passt schon“. Denn jetzt muss einer der Musiker weg weil seine Mutter ausgerechnet heute Geburtstag hat und das war’s. Und nun -man errät es- kommt der böse nächste Morgen. Der Bass ist neben dem Schlagzeug, von der Gitarre hört man fast gar nichts und der Gesang geht so auch nicht. Leider ist nun, wo der Abstand da ist, die Aufnahme vorbei. An Veranstalter zu verschicken bringt so gar nichts, an ein Label schon gleich dreimal nicht und keiner hat Lust das ganze am nächsten Wochenende nochmals zu machen. Ein paar Kopien werden dann noch an mitleidige Freunde und Verwandte verteilt und dann verschwindet das ganze Elaborat in der Schublade. Das ist zwar Schade um die Zeit und die Arbeit, aber erst mal kein Schaden falls nicht zusätzliches Equipment angemietet wurde.
Richtig ärgerlich wird der ganze Effekt dann, wenn man sich Option zwei, also das Mietstudio ansieht. Dort gibt es Equipment und Fachwissen, aber keine Zeit. Meist fällt erst dort auf, dass manche Bandmitglieder ihre Parts nicht vernünftig spielen können und mit riesigem Zeitaufwand irgendetwas hingeflickt werden muss. Aber : die Uhr tickt rückwärts und übermorgen muss alles im Kasten sein. Dann sind die 1500€ die für‘s Studio angespart wurden nämlich abgegessen. Am Ende steht man meistens mit eineinhalb Songs da, anstatt mit z.B. fünf wie geplant. Der Halbe ist zu nichts gut, also bleibt einer. Der klingt natürlich viel besser als im Proberaum selbst produziert, genügt aber wieder nicht für Marketing und die Freunde, Omas, Onkel und Tanten bekommen eine CD mit einem Song gebrannt.
Damit ich nicht missverstanden werde : Nichts gegen professionelle Studios. Sicherlich kann sich nichts Anderes mit der dort erreichbaren  Qualität des Endproduktes messen. Der Haken ist, dass es sich eben um die erreichbare Qualität handelt. Tatsächlich erreicht wird diese Qualität nur mit sorgfältiger und disziplinierter Vorbereitung, welche erfahrungsgemäß vernachlässigt wird. Am Schluss hat man für teures Geld ein Ergebnis, welches weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt.
Gibt es nun eine Möglichkeit Können, Ausrüstung, Zeit und Abstand gleichzeitig zu bekommen? Ja : Das eigene Studio! Eine illusorische Vorstellung? Mitnichten: Hier hilft dem ambitionierten Musiker glücklicherweise auf die in vielen Bereichen näherungsweise gültige 80/20-Regel.
Im Prinzip gibt die Regel an, mit wie viel Aufwand man wie viel Ertrag erhält.

Aufwand-Ertrags-Kurve

Aufwand-Ertrags-Kurve

Man sieht, dass die Kurve sehr steil beginnt: Für wenig Aufwand bekommt man schnell viel Ergebnis. Typischerweise kommt man mit 20% Aufwand bereits auf 80% des Ergebnisses. Möchte man das Ergebnis nun noch weiter zur Perfektion „pushen“, dann muss man für immer weniger zusätzliche Qualitätssteigerung einen immens höheren Aufwand treiben. Für unseren Fall heisst das umgekehrt aber auch : Man kann mit ein bisschen geschickt gewähltem Equipment und etwas Beschäftigung mit der Materie eine sehr ansehnliche Aufnahme erhalten.
Solch eine „80%-Eigenproduktion“ ist meist um Längen besser als ein Proberaum-Tape und meist auch besser als eine unter Zeit- und Kostendruck entstandene Mietstudio-Aufnahme. Die Faktoren Zeit und Abstand sind ausgeschaltet. Man kann wann man möchte und so lange man möchte an den Sachen arbeiten und es ist egal wenn einer zu Muttis Geburtstag muss oder etwas nicht sofort klappt. Mit dem nötigen Abstand kann man am nächsten Tag oder am nächsten Wochenende weiterarbeiten. Seit ich mit und für meine Band DANTE die Redtube-Studios in Augsburg betreibe, möchte ich diesen paradiesischen Zustand der Freiheit nicht mehr missen.
Was bin ich jetzt noch schuldig? Ach so, natürlich : Die Anleitung, wie man mit etwas mehr als tausend Euro Aufwand zu einem funktionierenden Heimstudio kommt. Das ist Inhalt des nächsten Artikels…

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