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Das Album Within the Veil – ein vergessenes, dunkles Juwel

By on Juli 1, 2013

Scan des Originalcovers des Albums

Erst kürzlich wurde ich gefragt, welche Metal – Album der 90er Jahre für mich persönlich die Wichtigsten gewesen seien.

Ich sollte ganz spontan und ohne Nachzudenken antworten. Neben den paar üblichen Verdächtigen hörte ich mich selbst schon an zweiter oder dritter Stelle eine Band und einen Albumtitel nennen, mit dem ich selbst gar nicht gerechnet hatte.

Das Album „Within The Veil“ von FEAR OF GOD aus dem Jahre 1991 – ein Album, das schon seinerzeit wenig Aufmerksamkeit bekam und heute, wie die Band selbst, weitgehend vergessen ist. Über meine Aussage selbst ein wenig überrascht und neugierig geworden, nahm ich das Album mal wieder in die Hand und hörte es an. Ich wollte wissen, wie und warum ich zu dieser Aussage gekommen bin und mich vergewissern, ob dieses Werk wirklich so gut wie in meiner Erinnerung ist.

Fear of God 1990 – erschreckend, poetisch, emotional brutal, fantastisch.

Tja, was soll ich sagen…auch nach über zwanzig Jahren hat es nichts von seiner Intensität und Faszination verloren. Die Musik von FEAR OF GOD klingt auch heute noch weitgehend modern – was eine echte Überraschung ist. Das mag daran liegen, dass FEAR OF GOD meiner Ansicht nach ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht weit voraus waren. Sehr weit sogar. „Within the Veil“ ist ein dunkles, verstörendes und durch und durch faszinierendes musikalisches Juwel und – man kann es nicht anders sagen – ein beklemmendes Kunstwerk. Noch heute klingt ihre Musik merkwürdig innovativ, ist einzigartig und besitzt eine künstlerische Tiefe, die zeitlos ist. Nicht zuletzt wegen der völlig einzigartigen und unverwechselbaren Gesangsperformance der Sängerin Dawn Crosby. Aber auch wegen der herausragenden Gitarrenarbeit, die ihre zeitgenössischen Einflüsse zwar heute nicht verleugnen kann, aber bereits auffällig Wege beschreitet, die erst Jahre später von anderen Künstlern betreten werden sollten.

„Powerlines… steel webs confine,
violating the brownish sky.
Hard grey smothers, earth, like cancer.
Cracks revealing, ground below
Broken and bleeding every seed, every stone..“

FEAR OF GOD / All That Remains

Musikalisch im Thrash Metal verwurzelt, bauten Fear of God damals von einer größeren Öffentlichkeit völlig unbemerkt eine strahlende, aber auch grauenhaft deprimierende, poetische Kathetrale über den Grundmauern auf, die Künstler wie etwa SLAYER mit ihrem Album „South of Heaven“ gelegt hatten. Gleichzeitig rissen sie gängige Konventionen wie im Vorbeigehen nieder. Auf „Within the Veil“ hört man den Einfluss des Doom Metals ebenso selbstverständlich heraus wie den Thrash Metal aber es finden sich auch massenhaft musikalische Verweise auf ein Genre, das es damals noch gar nicht gegeben hat. Die Rede ist vom Gothic Metal, wie ihn PARADISE LOST, ANATHEMA, CATHEDRAL oder MY DYING BRIDE wenig später definieren sollten.

WITHIN THE VEIL - ein vergessenes und zeitloses Meisterwerk harter Musik.

WITHIN THE VEIL – ein vergessenes und zeitloses Meisterwerk harter Musik.

Und während ihre berühmten Kollegen nicht nur zu dieser Zeit genretypisch über irgendwelche Massenmörder schrieben (SLAYER), den künstlerischen Mehrwert von Autopsieberichten (du lieber Gott) im Verbund mit extremer Musik erkundeten (CARCASS), mehr oder weniger pathetische Heldengeschichten erzählten (Manowar) sozialkritsch belehrend waren bzw Horrormärchen zum Besten gaben (KREATOR /DEATH), oder halt einfach nur Sex – und Rock’n Roll Fantasien bedienten (Love in a elevator – Aerosmith), machten sich FEAR OF GOD daran, auf höchst poetische Art und Weise mit schockiernder Offenheit von nichts weniger als der Dekonstruktion und Verlorenheit einer menschlichen Seele zu berichten. Das war…neu. Zwar läuteten Nirvana und die darauffolgende Grungewelle wenig später eben diesen großen Paradigmenwechsel in der Rockmusik ein – weg vom machozentrierten harten Rocker hin zum nachdenklichen, zuweilen wütenden Künstler der etwas zu sagen hat – doch FEAR OF GOD waren erstens früher am Start und zweitens in einer gänzlich anderen musikalischen Welt zu Hause. In einer sehr kalten und dunklen Welt.

Gute Beispiele sind die Songs „Drift“ und „All That Remains“. Hört euch die Songs LAUT an – oder gar nicht! Lasst den Text an euch heran. Und erlebt beim Song „Drift“ ein Finale, das seinesgleichen sucht. Selten habe ich so eine ehrliche Stimme gehört. Die leider nur von Schmerz und Verzweiflung zu berichten wusste. Und das in furchtbarer, wenn auch künstlerisch wertvoller, Intensität.

Die zentrale Figur dieser Band war im positiven wie im negativen Sinne die Ausnahmesängerin Dawn Crosby. 1996 an Leberversagen verstorben, scheint sie eine in vielerei Hinsicht schwierige, wenn auch geniale Künstlerin gewesen zu sein. Unzählige Besetzungswechsel nach physischen Auseinandersetzungen mit den Mitmusikern (Ach Du lieber Gott !) prägen die kurze Zeit, in der FEAR OF GOD aktiv waren. Geblieben sind zwei herausragende Alben, von denen das Debut, von dem hier die Rede ist fast schon nicht von dieser Welt ist.

Within the Veil – Tracklist

1 All That Remains 3:52
2 Betrayed 6:15
3 Emily 4:25
4 Red to Grey 6:08
5 Diseased 4:08
6 Wasted Time 6:48
7 Love’s Death 4:18
8 White Door 5:00
9 Drift 5:53

Der physische Tonträger hat längst Sammlerwert und wird auch gebraucht für über 50 Euro verkauft. Allerdings habe ich das Album auch als MP3 Download auf Amazon entdeckt. Für lächerliche 7.99 Euro. Zuschlagen!

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R.I.P Dawn Crosby

Love&Respect

Alex/ DANTE

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1 Comment
  1. Antworten

    Peter

    September 23, 2016

    Hallo Alex,

    ich kann dir zu 100% zustimmen. Als ich damals Anfang der 90er in einer Filiale einer großen Schallplattenkette beim Stöbern in der Hard’n’Heavy Abteilung das Plattencover von „Within the Veil“ entdeckte, hat mich gleich gefesselt – für die damalige Zeit war es doch ein ungewöhnliche Design. Blind hab ich mir die Platte bzw. CD gekauft. Ich spielte damals selber in einer Band und war immer auf der Suche nach neuen Einflüssen. Und „Within the Veil“ wurde definitiv die von mir meist gehörte Platte.
    Leider konnte ich mit dem 1994 zweiten und letzten Album „Toxic Vodoo“ bis heute nichts anfangen. Doch „Within the Veil“ ist wirklich ein unglaubliches, unfassbares Meisterwerk in Musik und Poesie. Und wer es hört wird es hassen oder lieben, denn es steckt einfach so viel Genius, so viel Leidenschaft, so viel Emotion drin, dass für Gleichgültigkeit beim Zuhörer kein Platz bleibt.
    Viel Grüße
    Peter

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