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Für die Panoramafreiheit

By on Juni 27, 2015

Mit dem Urheberrecht ist es ja immer so eine Sache. Als Band erleben wir täglich wie das unsere mit Füßen getreten wird, während gleichzeitig die Verwendung von Fotografien, die jemand von uns bei einem Konzert hergestellt hat, schnell eine Abmahnung zur Folge hätte wenn wir diese, ohne zu fragen, einfach so verwenden und veröffentlichen würden. Das ist ja auch alles gut so und aus meiner Erfahrung heraus hat das Urheberrecht emotional vor Allem mit einem zu tun: Mit Respekt. Man verwendet nicht einfach die Werke Anderer ungefragt. Erst Recht nicht mit kommerziellen Hintergedanken.Gerne wenden wir uns an Urheber um zu fragen, ob wir Ihre Fotos von unseren Konzerten auf unserem Blog oder auf unseren Social Media Kanälen veröffentlichen dürfen und haben damit nur positive Erfahrungen gemacht.

So weit so gut. Deutschland hat ohnehin schon ein regides und undurchsichtiges Urheberrrecht aber ich halte es für gut. Nun schickt sich das europäische Parlament an, eine europaweite Änderung des Urheberrechts bezüglich der Panoramafreiheit anzustreben. Wer nicht gerade Fotograf ist, fragt sich jetzt sicher „Wie bitte?“ und beginnt wegzudämmern. Bevor Ihr wegklickt – ich machs kurz und verschone euch mit juristischen Details. Das Ganze ist doch recht drastisch und betrifft jeden.

Panaromafreiheit ist auch als Straßenbildfreiheit bekannt und bedeutet, dass ihr von Bauwerken Fotos machen, diese veröffentlichen und auch ohne zu fragen kommerziell verwenden dürft. Auch wenn das ganze Bauwerk oder Teile davon dem Urheberrecht (das gibt es nämlich) unterliegen. Eben diese „Freiheit“ soll nun nach dem Willen des europäischen Paralaments aufgehoben werden. Europaweit logischerweise. In Deutschland gilt zur Zeit etwa die Panoramafreiheit und wenn ich vom Reichstag ein tolles Foto mache und als Postkarte verkaufen will – kann ich das tun. Warum ich gerade den Reichstag nenne – nun – Teile davon, nämlich die inzwischen berühmte Kuppel, wäre nun urheberrechtlich geschützt. BÄM.

Was hat das alles nun zur Folge? Wird der Tourist XY nun verhaftet weil er Fotos macht? Natürlich nicht. Das Gesetz zielt an sich auf die kommerzielle Verwendung. An sich.

Hier der Wortlaut:

the commercial use of photographs, video footage or other images of works which are permanently located in physical public places should always be subject to prior authorisation from the authors or any proxy acting for them

(Quelle Netzpolitik.org)

Was das Postkartenbeispiel angeht, ist das alles noch klar und man könnte sagen: Passt schon. Könnte man. Tatsächlich aber würde die Abschaffung der Panoramafreiheit eine riesige rechtliche Grauzone erschaffen. Ihr macht ein Selfie vor dem Reichstag und postet das auf eurem Facebookprofil? Tja. Ihr habt zwar kein finanzielles Interesse, aber die Plattform auf der die Veröffentlichung stattfindet hat eines. Natürlich darf man seine Fotos einem engen, privaten Kreis von Freunden zeigen – das gilt nicht als Veröffentlichung und stellt keine Verletzung des Urheberrechts dar. Nur – ist ein privates Facebookprofil noch eine private Angelegenheit, wenn der Eigentümer 100 Freunde hat? Oder 1000? Oder 5000? Was nun? Wer soll da die Grenze ziehen? Wann ist etwas eine Veröffentlichung wann nicht? Sperrt Facebook eurer Profil wenn ihr so ein Foto postet? Gut möglich, wenn es ihnen angezeigt wird. Letztlich: man weiß es nicht.

Ihr habt einen eigenen Fotoblog im Internet und postet dort eure Bilder? Da stellt sich die Frage nicht. Wenn ihr auch nur einen Werbebanner auf eurem Blog habt – seid ihr dran. Und selbst wenn nicht, kann ich mir gut vorstellen, dass sich windige Anwälte einfach mal darauf spezialisieren werden prinzipiell die Betreiber abzumahnen. Einfach so. Sollt ihr doch erstmal beweisen, dass euer Blog keine kommerziellen Interessen verfolgt. Außerdem habt ihr auch ohne kommerzielle Interessen zu verfolgen, gegen das Urheberrecht eines zweiten verstoßen, indem ihr eine Veröffentlichung im Internet vorgenommen habt. Alle Betreiber von Seiten professioneller Fotografen, die Architekturbilder zeigen, können gleich mal damit anfangen rauszufinden, ob abgebildete Gebäude oder auch nur Teile davon (absurd!) urheberrechtlich geschützt sind und dürfen dann den Rechteinhaber erstmal herausfinden (wie eigentlich?) und diesen um Erlaubnis fragen. Das wird natürlich niemand machen.

Das Ende vom Lied dürfte sein, dass Millionen Bilder betroffen sind und die Hersteller oder Nutzer dieser Fotografien diese ganz grundsätzlich meiden werden bzw. aus dem Netz nehmen. Wikipedia müsste wohl schlagartig abertausende Bilder entfernen.

Ich empfinde dies alles als begeisterter Fotograf als einen Verlust von Kultur, das geplante Gesetz als absurd und an der Realität vorbei. Wenn ich einen Straßenzug oder Architektur fotografiere, kann und will ich mich nicht damit beschäftigen, ob irgendein Gebäude oder ein Teil davon vielleicht vom Urheberrecht geschützt ist. Wie soll ich das überhaupt wissen? Ich nehme im Weitwinkel eine Straße ins Visier – da kann immer ein Erkerchen sein, deren Abbildung kritisch ist. Da stehen keine Schilder: Achtung: Haus XY oder Fenster Nummer Drei von oben unterliegen dem Urheberrecht.

Wenn man als Fotograf ernsthaft rechtssicher Stadtfotografie betreiben will hat man in der Realität nur drei Möglichkeiten – man nimmt einen nicht willentlich begangenen Verstoß gegen das Urheberrecht in Kauf, fotografiert eben keine Architektur- oder Stadtmotiv mehr oder zeigt die Bilder eben nur im engsten Kreis (ganz sicher nicht im Internet). Dieses Gesetz ist einfach an der Realität vorbei. Ist meine Ansicht.

Natürlich bin ich mir darüber bewußt, dass schon heute in einigen europäischen Ländern die Panoramafreiheit nicht gilt (z.B. in Frankreich) und davon die Welt auch nicht untergegangen ist. Dennoch kann ich die in Deutschland und anderen europäischen Ländern bestehende Regelung für besser halten und das tue ich auch.

Die Panoramafreiheit muss im Namen der Kunstform Fotografie erhalten bleiben. Hoffen wir mal, dass es so kommt. Hier ein weiterführender Link zu Wikipedia und anderen Quellen:

Informationen zur geplanten Änderung / Abschaffung der Panoramafreiheit
Informationen beim MDR
Netzpolitik.org

Love & Respect

Alex

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