Audiotechnik Off topic

Der Kompressor – Schon tausendmal (nicht) gehoert

By on April 23, 2011

Die heutige Studiohardware stellt jedem eine riesige Auswahl von Effekten zu Verfügung, mit denen aufgenommene Spuren bearbeitet werden können. Die Auswahl reicht vom selbstverständlichen EQ über Hall, Echo, Delay und Modulationseffekte wie Chorus, Flanger und Phaser. Diese Aufzählung ist natürlich bei Weitem nicht vollständig. Alle diese Effekte haben gemeinsam, dass man nach der Aktivierung des Effektes sofort eine starke Änderung der betreffenden Aufnahmespur feststellt. Der EQ ändert die Klangfarbe, Delay fügt rhythmische Wiederholungen des Tonmaterials hinzu und die Modulationseffekte erzeugen verschiedenste zeitlich veränderliche Eingriffe in das Frequenzspektrum, virtuelle Räume entstehen durch den Einsatz von Reverb. Am häufigsten kommt jedoch ein Effekt zum Einsatz, der auf den ersten Blick völlig unspektakulär erscheint : Der Kompressor. Ohne diesen wäre keine moderne Rock- oder Pop-Produktion denkbar. Schaltet man allerdings auf eine Tonspur einen solchen Kompressor scharf, so hört man anfangs erst einmal (fast) keinen Unterschied, und der Sinn der Maßnahme erschliesst sich im Gegensatz zu den auffälligen Effekten nicht sofort. Deswegen ist es sicherlich lohnenswert, diesen unauffälligen kleinen Helfer einmal genauer zu betrachten.

Hauptaufgabe einer jeden Komprimierung besteht darin, den Dynamikumfang des Tonmaterials zu verkleinern. Mit „Dynamikumfang“ ist dabei grob gesagt der größte vorkommende Lautstärkenunterschied gemeint. Ein zu jeder Zeit gleichmäßig lautes Signal hat demnach einen geringen Dynamikumfang, ein Signal mit lauten und leisen Abschnitten einen großen Dynamikumfang. Wie geht die Reduktion dieses Dynamikumfangs nun von statten?

Kompressorkennlinie

Typische Kompressorkennlinie mit Beispielen

Die Einstellmöglichkeiten die an einem Kompressor zur Verfügung stehen können sehr umfangreich sein, die wichtigsten sind jedoch die Parameter „Threshold“ und „Ratio“ und außer bei echter Vintage-Hardware praktisch immer vorhanden. Da es sich beim Vorgang der Komprimierung wie bereits erwähnt um eine Bearbeitung des Lautstärkepegels handelt, werden die typischen Einstellungen sehr oft in einem Kennlinien-Diagramm wie im Bild dargestellt. Da die meisten Software-Kompressoren zur Einstellung auf dem Bildschirm eine solche Darstellung wählen, ist es nützlich sich dieses Diagramm näher anzusehen. Dort wird der Ausgangspegel des Kompressors über dem Eingangspegel dargestellt. Per Definition ist der Kompressor unterhalb der Einsatzschwelle („Threshold“) nicht aktiv, d.h. Ein- und Ausgangspegel unterscheiden sich nicht. Ein entsprechendes Beispiel ist im Bild blau dargestellt. Signale über dem Threshold-Pegel werden durch das Abknicken der Kennlinie komprimiert, d.h. der Ausgangspegel ist gegenüber dem Eingangspegel abgeschwächt.
Durch dieses Wegdrücken der Pegelspitzen können die leisen Tonpassagen im Vergleich zu den lauten „aufholen“, das Signal wird also insgesamt gleichmäßiger. Je größer das Kompressionsverhältnis („Ratio“) gewählt wird, desto härter die Kompression über der Schwelle. Die Kunst besteht nun natürlich darin, für die entsprechende Spur sowohl die Einsatzschwelle als auch das Kompressionsverhältnis richtig zu wählen. Ist das Signal ständig unterhalb der Schwelle (Threshold zu hoch gewählt), dann passiert natürlich gar nichts, ist das Signal ständig über der Schwelle (Threshold zu niedrig), dann werden die leisen Passagen mitkomprimiert, was meistens ebenfalls nicht erwünscht ist.

Als Faustregel gilt also: Der Kompressor soll beim abspielen der Spur abwechselnd leer laufen und eingreifen, dann ist der Threshold schon mal grob richtig. Typische Kompressionsverhältnisse, bewegen sich oft zwischen 1:1.5 und 1:2 für Einzelspuren im Mix, für Backgroundspuren und Masteringkompressoren oft auch um einiges höher. Damit aber erst mal genug, denn eine genaue Behandlung von Threshold und Ratio für verschiedene Instrumente und Spurgruppen würde den  Rahmen eines kleinen Blogartikels bei Weitem sprengen.
Das maximale Kompressionsverhätnis ist „1: unendlich“, die sogenannte Limiter-Einstellung. In diesem Fall kann das Signal den Treshold-Pegel überhaupt nicht überschreiten. Diese Maßnahme kann zum Beipiel in Kopfhörerverstärkern zum Schutz des Gehörs zum Einsatz kommen.

Korrekt komprimierte Spuren bilden die Grundvoraussetzung für einen konsistenten Mix unter Berücksichtigung aller denkbaren Ausgabemedien

Ein häufiger Fehler im Zusammenhang mit dem Kompressor ist die Überkomprimierung, bei der dem Signal mehr Dynamik entzogen wird als für die Weiterverarbeitung nötig wäre.  Die Dynamik des Tonmaterials kann im Songzusammenhang jedoch wichtig sein.  Allerdings fällt eine solche Überkomprimierung oft nur geschulten Ohren auf, da wir alle an völlig „dynamikfreies“ Tonmaterial gewöhnt sind: moderne Rock/Pop-Produktionen und vor allem Radiosendungen sind durchgehend „auf Anschlag“ hochkomprimiert, da der Hörer unter allen Bedingungen (Büro, Auto, Zug…) alles hören soll. Leise Passagen sind hier unerwünscht. Das geht so weit, dass im Radio  das Signal vor dem Senden noch einmal nachkomprimiert wird, damit das Signal unter keinen Umständen unter 0 dB (Maximalpegel) fällt. Wer einen krassen Unterschied dazu hören möchte, der kann sich eine Klassik-CD  oder auch das Debutalbum von Emerson, Lake & Palmer einlegen, bei dem man z.B. im Autoradio minutenlang fast gar nichts hören wird. Tolle Platte, aber dementsprechend nur für‘s Wohnzimmer geeignet.

All das beantwortet aber immer noch nicht die Frage, wieso die Kompressoren nun so wichtig und überall im Spiel sind : Der Hauptgrund ist die Mischbarkeit des Materials. Aufgenommene Spuren wie Gesang, Gitarren, Bass, usw. werden niemals über die gesamte Länge gleichmäßig laut sein. Daher wandern sie beim Abmischen eines Songs ständig vom Vordergrund in den Hintergrund und umgekehrt. Es ist fast unmöglich, am Mischpult eine Einstellung zu finden, welche durchgehend für den gesamten Song passt. Mit korrekt komprimierten Spuren verschwindet das unkontrollierte Verhalten der Spuren und es lässt sich ein konsistenter Mix erstellen. Und auf jedem Album, in jedem Stück, in jedem Instrument hören wir tausendmal den Kompressor (nicht).

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3 Comments
  1. Antworten

    Cemal

    April 26, 2011

    Gefaellt mir, dass hier regelmaessig geschrieben wird.

  2. Berger Markus
    Antworten

    sequencer

    Mai 8, 2011

    Danke! Freut uns, wenn Du regelmäßig vorbeischaust! 🙂

  3. Antworten

    Werbeartikel Usbsticks

    Juni 15, 2011

    Ich muss sagen, mir gefaellt das Theme. Nicht so uebertrieben, dafuer Benutzerfreundlich.

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